Wenn Meinung zur Zuschreibung wird
Ein Gespräch mit Alexander Rahr über Russland, deutsche Ostpolitik und die Frage, wie weit Journalismus in seiner Bewertung gehen darf
Der Journalismus steht unter Druck. Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Staatsfernsehen“ gehören längst zum politischen Vokabular einer polarisierten Gesellschaft. Sie werden benutzt, um Medien pauschal zu diskreditieren, Vertrauen zu zerstören und gesellschaftliche Lager weiter voneinander zu entfernen.
Doch damit ist die eigentliche Frage nicht beantwortet: Wie gehen Journalisten selbst mit politischen Themen, mit unterschiedlichen Sichtweisen und mit der eigenen Haltung um?
Journalisten sind keine neutralen Maschinen. Sie haben Erfahrungen, Überzeugungen und politische Einschätzungen. Unterschiedliche Redaktionen setzen unterschiedliche Schwerpunkte und kommen zu unterschiedlichen Bewertungen. Das ist normal. Mehr noch: Eine demokratische Öffentlichkeit lebt davon, dass verschiedene Positionen sichtbar werden und miteinander konkurrieren.
Problematisch wird es dort, wo Bewertung und Berichterstattung ineinander übergehen, wo Assoziationen erzeugt werden, ohne sie konkret zu belegen, oder wo Personen durch ihren Kontext in einen Verdacht geraten, der selbst nicht offen ausgesprochen wird.
Wie groß die Wirkung medialer Zuspitzung sein kann, zeigte bereits die Debatte um das sogenannte Heizungsgesetz. Eine umfangreiche Inhaltsanalyse der Berichterstattung stellte fest, dass das Gesetz in den untersuchten Medien überwiegend negativ bewertet wurde. Besonders zugespitzte Begriffe wie „Heizhammer“ oder „Heizverbot“ prägten Teile der Berichterstattung und heizten die öffentliche Debatte zusätzlich an. Die Untersuchung verweist allerdings ebenso auf erhebliche Fehler der damaligen Regierung bei Konzeption und Kommunikation des Gesetzes.
Auch das jüngste ZDF-Interview von Dunja Hayali mit Alice Weidel zeigt, wie schnell aus einem journalistischen Gespräch ein gesellschaftlicher Stellvertreterkonflikt werden kann. Das Interview entwickelte sich zu einem heftigen Schlagabtausch; Weidel warf der Moderatorin „Framing“ vor, das ZDF reagierte anschließend mit einem Faktencheck. Die öffentliche Debatte verlagerte sich schnell von den Sachfragen des Interviews auf die Frage, wer hier wen unfair behandelt habe.
Und manchmal geschieht Meinungsbildung viel leiser.
Am 29. Juni veröffentlichte die Zeitschrift Internationale Politik den Beitrag „Russlands Radikalisierung, Deutschlands Naivität“. Autor Stefan Meister bespricht darin vier Bücher über Russland und die deutsche Russlandpolitik. In einem dieser Abschnitte taucht unvermittelt der Name Alexander Rahr auf.
Meister schreibt:
„Was erstaunlicherweise in dem Buch fehlt, ist eine tiefere Analyse der Rolle des ehemaligen Leiters des Eurasienzentrums der DGAP, Alexander Rahr.“
Anschließend bezeichnet er Rahr als eine Schlüsselfigur für Kontakte zwischen deutschen und russischen Wirtschafts- und Politikvertretern und argumentiert, eine tiefere Analyse seines Netzwerks hätte Erkenntnisse über das Funktionieren russischer Einflussnahme in Deutschland liefern können.
Das ist bemerkenswert.
Denn unmittelbar zuvor hebt der Autor hervor, das Verdienst der besprochenen Buchautoren bestehe gerade darin, ihre Aussagen mit Quellen und Interviews zu belegen. Bei Alexander Rahr selbst folgt dagegen keine konkrete Handlung, kein Vorgang und kein Beleg für eine Einflussnahme. Es wird vielmehr eine Verbindung hergestellt: zwischen Kontakten, Netzwerken und russischer Einflussnahme.
Darf man das journalistisch so machen?
Ist ein weitreichendes Netzwerk bereits ein Grund für Verdacht? Wird rückblickend jeder, der sich über Jahre für deutsch-russische Beziehungen eingesetzt hat, zum Teil eines Systems politischer Einflussnahme? Oder gibt es berechtigte Kritik an einer deutschen Russlandpolitik, die Gefahren zu lange unterschätzt und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit politischer Stabilität verwechselt hat?
Genau darüber wollten wir sprechen.
Nicht über eine persönliche Auseinandersetzung zwischen zwei Russlandexperten. Nicht über die Frage, wer im Nachhinein recht behalten hat. Sondern über die grundsätzliche Frage, wie Deutschland heute mit seiner eigenen Russlandpolitik umgeht – und ob der Dialog mit Russland tatsächlich ein historischer Fehler war oder ob der eigentliche Fehler darin bestand, Dialog mit Vertrauen und wirtschaftliche Kooperation mit politischer Sicherheit zu verwechseln.
Ich habe Alexander Rahr deshalb um ein Gespräch gebeten.
Das Interview wurde am Donnerstag, 10. Juli 2026, geführt.
Michael Huppertz im Gespräch mit Alexander Rahr
Michael Huppertz: Herr Rahr, in einem aktuellen Beitrag der Internationalen Politik wird Ihr Name im Zusammenhang mit russischer Einflussnahme in Deutschland erwähnt. Hat Sie das überrascht?
Alexander Rahr: Ja. Nicht weil ich Kritik an meinen Positionen ungewöhnlich fände – die begleitet mich seit Jahren. Sondern weil dort die These aufgeworfen wird, mein Netzwerk, das ich fast zwanzig Jahre als Leiter des Russland-Eurasien Zentrums der DGAP aufgebaut habe, unter solchen Chefs wie Karl Kaiser, Hans-Dietrich Genscher, Arendt Oetker u.a., solle „näher untersucht werden“, um Erkenntnisse über russische Einflussnahme in Deutschland zu gewinnen. Das ist eine schwerwiegende Andeutung. Journalistischer Anstand gebietet, dass man mir in diesem Zusammenhang die Möglichkeit das zu kommentieren gegeben hätte.
Michael Huppertz: Sind Sie mit dieser Kritik überhaupt nicht einverstanden?
Alexander Rahr: Kritik an meiner Russlandforschung ist legitim. Man kann mir für die Wendejahre 1989-2012 Fehleinschätzungen vorwerfen, das wäre normal. Man kann meine Haltung zur europäischen Sicherheitsarchitektur kritisieren. Etwas anderes ist es jedoch, wenn aus Kontakten zu Politikern, Oppositionellen, Journalisten, Wissenschaftlern oder Unternehmern plötzlich der Verdacht einer konspirativen Einflussnahme konstruiert wird. Dann stellt sich zwangsläufig die Frage: Welche Einflussnahme ist konkret gemeint? Welche politische Entscheidung habe ich beeinflusst? Welche Weisung habe ich weitergegeben? Welche verdeckte Tätigkeit wird mir vorgeworfen? Oder genügt heute bereits die Mitwirkung in der Jugendwerkstatt des Petersburger Dialogs, um unter Generalverdacht zu geraten?
Michael Huppertz: Sie kennen den Autor?
Alexander Rahr: Ja. Er war früher mein Mitarbeiter, und wir haben über viele Jahre dieselbe außenpolitische Welt geteilt. Ich habe ihn aus meinem Budget finanziert. Heute vertreten wir in zentralen Fragen unterschiedliche Auffassungen. Das ist nicht zu beanstanden.
Michael Huppertz: Wo verläuft die entscheidende Trennlinie zwischen Ihnen?
Alexander Rahr: Die Kritik lautet im Kern: Deutschland habe Russland falsch verstanden, Warnungen ignoriert und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit politischer Stabilität verwechselt. Daraus wird gefolgert, die gesamte deutsche Russlandpolitik der vergangenen Jahrzehnte sei ein Irrweg gewesen. Erlauben Sie mir, die Sache differenzierter zu sehen. Russland bleibt – unabhängig davon, wer dort regiert – der größte Staat Europas, eine Atommacht und ein zentraler sicherheitspolitischer Akteur. Mit einem solchen Land muss man sprechen, auch wenn man seine Politik entschieden ablehnt. Denn Dialog ist keine Zustimmung und Kooperation keine Unterwerfung. Und Verständnis ist keine Lobpreisung. Diese Unterschiede verschwimmen heute zunehmend.
Michael Huppertz: Hat sich die deutsche Russlandpolitik nicht dennoch in Putin massiv geirrt? Sie waren doch mehrfach beim Abendessen mit ihm. Haben Sie sich täuschen lassen?
Alexander Rahr: Sie werden kaum Bücher oder Artikel von mir finden, wo ich mich 100% auf die russische Seite stelle. Was ich aber gemacht habe, sind russische Interessen und Befindlichkeiten stets aufzuzählen. Das gehört zur Völkerverständigung dazu. Meine grosse Hoffnung, wirtschaftliche Verflechtung werde automatisch zu politischer Liberalisierung führen, hat sich jedoch nicht erfüllt. Die starke Abhängigkeit von russischen Energielieferungen wird hierzulande jedoch übertrieben dargestellt. Noch unter Kanzler Olav Scholz hat sich Deutschland in kurzer Zeit von den russischen Energieabhängigkeiten befreien können. Russland hat mehr verloren als Deutschland, nämlich seine gesamte milliardenschwere Investition in die europäische Energieinfrastruktur. Wer hier der Dumme war, kann jeder sehen.
Die eigentliche Frage lautet doch: Warum haben wir es nicht hinbekommen, nach dem Ende des Kalten Krieges eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur zu errichten? Solange Boris Jelzin an der Macht war. War die NATO Erweiterung gegen ein Jelzin-Russland wirklich notwendig? Oder war das Problem, dass der Russland-Dialog nicht mit strategischer Vorsorge verbunden war? Aber ich gebe zu: der Westen hätte die Untertöne in den Gesprächen mit Vladimir Putin eher bemerken müssen. Für Jelzins Nachfolger Putin war die Wiederherstellung des verlorenen Imperiums über eine Rückeroberung der Ukraine wichtiger, als Demokratie. Heute frage ich mich aber, was das in unserer Haltung geändert hätte. Vermutlich wären wir noch früher in einen Krieg mit Putins Russland hineingerutscht, oder eine Diplomatie der Inklusion hätte Schlimmes verhindern können. Eine andere Frage lautet: warum haben wir es allesamt versäumt, 2014 die Ukraine sowohl im Westen als auch im Osten zu verankern?
Michael Huppertz: Ihre Kritiker sagen, gerade solche Dialoge hätten Russland Einfluss verschafft.
Alexander Rahr: Natürlich können Dialoge und Netzwerke missbraucht werden. Aber zwischen Dialog und verdeckter Einflussnahme besteht ein fundamentaler Unterschied. Wenn wir diesen Unterschied aufgeben, wird jeder Gesprächspartner eines autoritären Staates automatisch verdächtig. Dann verwandelt sich Diplomatie in ein Minenfeld. Eine Außenpolitik, die nur noch mit Freunden spricht, die gleiche Werte teilen, verdient ihren Namen nicht mehr.
Michael Huppertz: Sehen Sie heute die Gefahr einer neuen Einseitigkeit?
Alexander Rahr: Ja. Früher lautete die Vereinfachung: Handel schafft automatisch Frieden. Heute lautet sie häufig: Wer den Dialog mit Russland gesucht hat, war entweder naiv oder Teil russischer Einflussnahme. Beides halte ich jetzt für falsch. Geschichte ist komplizierter. Außenpolitik ist komplizierter. Wer alles nur noch in Schwarz und Weiß betrachtet, macht dieselben Fehler wie früher – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Michael Huppertz: Haben Sie die Redaktion der Internationalen Politik um eine Stellungnahme gebeten?
Alexander Rahr: Ja. Man hat mir schriftlich geantwortet, dass sich die Redaktion weder eine „eigenwillige Interpretation der Sachlage“ zu eigen mache noch für bestimmte Intentionen zur Verfügung stehe. Eine solche Antwort habe ich nicht erwartet. Wer öffentlich die Rolle von Personen und Netzwerken im Zusammenhang mit russischer Einflussnahme anspricht, sollte bereit sein, seine These konkret zu begründen oder der Gegenseite Platz für eine Gegendarstellung einräumen, in meinem Fall einem früher allseits wertgeschätzen Senior Wissenschaftler, der 18 Jahre die DGAP zu dem gemacht hat, was sie heute ist.
Michael Huppertz: Was wünschen Sie sich für die weitere Debatte?
Alexander Rahr: Mehr Differenzierung und weniger Etiketten. Deutschland muss seine Russlandpolitik kritisch aufarbeiten. Fehler müssen benannt werden – auch eigene. Ich bin jederzeit bereit, über meine Einschätzungen, meine Kontakte und auch über Irrtümer zu sprechen. Aber die Debatte sollte auf Fakten beruhen und nicht auf absichtlicher Dämonisierung. Europa wird eines Tages wieder einen Weg finden müssen, mit Russland zu leben. Und die DGAP wird wohl eine der ersten Institutionen sein, die sich unter veränderten Umständen wieder in den Dialog mit Russland hineindrängeln wird.
Michael Huppertz: Herr Rahr, danke für das Gespräch.











