Header Ad

Categories

  • Keine Kategorien

35 Jahre Einheit – Egon Krenz zieht Bilanz: DDR zwischen Erinnerung und Legende

Buchbesprechung: Egon Krenz – Verlust und Erwartung

Egon Krenz war der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR und nur 43 Tage in Amt und Würden. Sein Buch, zweite Auflage, erschienen bei edition ost im Verlag Das Neue Berlin,  Verlust und Erwartung ist weder bloße Rechtfertigung noch trockene Chronik, sondern ein Versuch, die eigene Rolle und die Geschichte der DDR neu zu deuten. 35 Jahre nach der Einheit liest es sich wie ein Dokument zwischen Selbstkritik und Verteidigungsrede – und wie eine Erinnerung daran, dass Geschichte umkämpft bleibt.

Friedensstaat ohne Arbeitslose“ – Mythos oder Realität?

Krenz beschreibt die DDR nicht nur als grauen Unrechtsstaat, sondern betont ihre sozialen Errungenschaften: kostenlose Kinderbetreuung, niedrige Mieten, Recht auf Arbeit, Gleichstellung der Frauen. Viele Menschen, so schreibt er, hätten die DDR als „Friedensstaat ohne Arbeitslose, ohne Obdachlose, ohne Bettler“ empfunden. Doch gerade hierin liegt der Kern seiner Darstellung – und ihr Problem. Diese Narrative blenden politische Defizite aus: fehlende Reisefreiheit, Überwachung, das Erstarren einer alternden Parteiführung. Heute werden solche Bilder von Populisten wie der AfD gezielt instrumentalisiert, um eine Vergangenheit zu verklären, die so nie existierte. Krenz erinnert nicht nur an diese Deutungen – er verstärkt sie, indem er sie in seine Bilanz aufnimmt.

Selbstkritisch zeigt er sich trotzdem: „Kritiker behandelten wir wie Feinde des Sozialismus. Unser Misstrauen war gewaltig und überzogen.“ Auch den Starrsinn Honeckers schildert er: „Wir können doch nicht vor das ZK treten und sagen: ›Wir haben uns geirrt‹“ – für Krenz der Inbegriff der Erstarrung, die am Ende keine Reform mehr zuließ.

Erinnerung und Narrative

Zentral ist sein Bedauern über den verpassten dritten Weg. 1989 schlug er eine Volksbefragung vor, überzeugt, dass die Mehrheit Reformen, aber keine schnelle Einheit gewollt hätte. „Die Idee blieb Idee“, notiert er. Bürgerrechtler forderten eine andere DDR, nicht deren Abschaffung. Erst im Frühjahr 1990 siegte die Illusion, man könne DDR-Sozialstaat und BRD-Freiheiten verbinden. Was folgte, nennt Krenz „Anschluss statt Vereinigung“.

Die DDR – Tochter der Sowjetunion

Über allem stand Moskau. „Ohne Sowjetunion keine DDR“, schreibt er. Für ihn war die Sowjetunion Schutzmacht und Überlebensgarantie, für Honecker dagegen blieb Gorbatschows Perestroika „Quatsch“. Krenz wollte sich mit den Reformen arrangieren, blieb aber in der Logik gefangen: DDR-Stabilität hing am sowjetischen Rückhalt. Als Moskau ins Wanken geriet, fiel auch die DDR.

Krenz schildert auch seinen eigenen Absturz. Als Nachfolger Honeckers wurde er zur Symbolfigur des Alten. Seine Rede von der „Wende“ glaubten ihm die Menschen nicht.

Wahrheit, Legende – und die vergessenen Grenzer

Besonders eindringlich ist sein Kapitel „Der 9. November – Wahrheit und Legende“. Krenz korrigiert darin die gängige Erzählung: Die Mauer sei nicht in einer heroischen Geste geöffnet worden, sondern durch ein Missverständnis in der Schabowski-Pressekonferenz. Der Beschluss zur Reisefreiheit war längst gefallen, sollte aber erst am nächsten Tag geordnet umgesetzt werden. Dass die Menschen noch in derselben Nacht zu den Grenzübergängen strömten, war für ihn Kontrollverlust und Zufall – kein bewusster Akt. Indem er diese „Legende“ zurückweist, zeigt er, wie sehr auch der historische Moment des Mauerfalls von Mythen überlagert ist. Später ärgerte er sich darüber, dass die Grenzsoldaten, die in dieser Nacht durch umsichtiges Handeln ein Blutvergießen verhinderten, niemals Dank erfuhren – sondern im Gegenteil vor Gericht gestellt wurden. „Und ich ärgere mich unverändert darüber, dass niemand von den BRD-Oberen es jemals für notwendig hielt, den DDR-Grenzsoldaten zu danken. Stattdessen wurden später viele Grenzer vor Gericht gestellt“, schreibt er. Dass Grenzer in Reportagen und Dokumentationen durchaus für ihre Besonnenheit gewürdigt wurden, blendet er aus. Dieser Ärger ist jedoch nicht zufällig: Er spiegelt Krenz’ eigene Erfahrung, pauschal als Symbolfigur eines Systems abgeurteilt zu werden. Psychologisch betrachtet folgt er dabei seiner Sozialisation: In der DDR geprägt von Loyalität zur „Frontlinie“ gegen den Westen, interpretiert er jede fehlende Anerkennung als Abwertung des Ganzen. In dieser Logik erscheinen die Grenzer nicht als Vertreter eines repressiven Systems, sondern als pflichtbewusste Männer, deren Handeln ignoriert wurde. Man versteht so, warum Krenz bis heute empfindlich auf diesen Punkt reagiert – es ist ein Stück Selbstrechtfertigung, aber auch Ausdruck einer Denkwelt, die sich über Jahrzehnte eingeprägt hat.

Wenige Monate später fiel Krenz endgültig in Ungnade, verurteilt in den Mauerschützenprozessen, von vielen als Sündenbock gesehen. „Ein schmerzlicher Rausschmiss“, nennt er das.

Siegerjustiz? Krenz zwischen Isolation und Selbstbehauptung

Seine Haftzeit schildert er ausführlich: die Isolation, Gespräche mit Mitgefangenen, das Ringen um Selbstbehauptung. Er begreift die Strafe als Siegerjustiz – nicht als persönliche, sondern als symbolische Verurteilung. Gerade in dieser Phase formuliert er den Satz, der wie ein Vermächtnis klingt: „Es wird nicht gelingen, die DDR zu einer Fußnote der deutschen Geschichte herabzuwürdigen. Sie ist mindestens ein Kapitel – und nicht das schlechteste.“ Für Krenz war die DDR mehr als Stasi und Mauer. Sie war Teil deutscher Nachkriegsgeschichte, mit sozialen Sicherheiten und internationaler Anerkennung, geboren aus dem Anspruch des Antifaschismus. Dass er die Erfahrung politischer Unterdrückung nicht gleichwertig danebenstellt, bleibt der blinde Fleck.

Der „erfolgreichere Bruder“ zeigt, was möglich gewesen wäre

Besonderes Gewicht hat sein Blick nach Asien. 2018, auf einem Flug aus Peking, sprach ihn ein westdeutscher Geschäftsmann an: „Ach ja, Ihre Bruderpartei ist erfolgreicher, als es die Ihre war.“ Krenz schreibt dazu: „Ich widersprach nicht. Wo er recht hatte, hatte er recht.“ Bitterer kann man das Scheitern nicht zusammenfassen. Über Xi Jinping äußert er Respekt: „China lässt sich nicht provozieren. Es will Dialog statt Konfrontation.“ Für Krenz ist China der Beweis, dass Sozialismus mit marktwirtschaftlichen Reformen ökonomisch überleben kann – etwas, das der DDR-Führung verwehrt blieb.

Russland bleibt für ihn emotionale Konstante. „Ohne Sowjetunion keine DDR“ – nüchtern wie trotzig zieht er Bilanz. Russland war Lebensader und Todesurteil zugleich, und auch nach 1990 sieht er es als Gegengewicht zur westlichen Dominanz.

Lebensader, Todesurteil – und die ewige Hegemoniefrage

Und Amerika? Krenz’ Blick ist distanziert. Mitte der 1980er-Jahre gab es Überlegungen, ihn in die USA reisen zu lassen, doch ohne Moskauer Zustimmung wäre das „ein Skandal“ gewesen. Im Rückblick sieht er die USA als hegemoniale Macht: „Die USA strebten schon immer nach einer Weltordnung unter ihrer Hegemonie.“ Er wirft Washington vor, Gorbatschows Abrüstung gezielt ausgenutzt zu haben. In Begegnungen mit US-Kongressabgeordneten beharrte er darauf, das wichtigste Menschenrecht sei Frieden. Persönliche Kontakte hatte er kaum – eine Ausnahme war 2003, als ihn Tom Hanks wegen eines Films über Dean Reed aufsuchte.

So zeigt Verlust und Erwartung: Krenz denkt nicht nur in Kategorien Ost/West, sondern global. China, Russland, Kuba, Vietnam – für ihn Beweise, dass es Alternativen zur westlichen Ordnung gab. Amerika dagegen bleibt für ihn Symbol der Hegemonie.

Keine Fußnote: Warum die DDR ein Kapitel bleibt

35 Jahre nach der Einheit liest sich das Buch als Dokument der Ambivalenz. Gewinne wie Reisefreiheit, Wahlen und Meinungsfreiheit stehen neben Verlusten: Arbeitslosigkeit, Entwertung von Lebensläufen, das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. „Die Mitmenschlichkeit ist im kalten Kapitalismus unter die Räder gekommen“, zitiert Krenz einen Mitbürger.

Doch Krenz bleibt nicht bei der Klage stehen. Er fordert einen Gegenpart: Respekt für die Lebensleistungen der Ostdeutschen, Anerkennung ihrer Biografien und eine Erinnerungskultur, die nicht nur von Stasi und Mauer erzählt, sondern auch von sozialer Sicherheit und Gleichstellung. Er plädiert für ein stärkeres ostdeutsches Selbstbewusstsein und für die Anerkennung verschiedener Gesellschaftsmodelle als Teil der Weltgeschichte. Die DDR, so seine Überzeugung, bleibt ein Kapitel der deutschen Geschichte – nicht das schlechteste, aber auch nicht das glorreichste. Lesenswert ist es, weil man erkennt, wie selektive Erinnerungen entstehen und politisch missbraucht werden können – und zugleich besser versteht, warum viele Ostdeutsche bis heute mit gemischten Gefühlen auf die Einheit blicken: in Erinnerung an soziale Sicherheiten, aber auch im Bewusstsein von fehlender Freiheit und den Brüchen nach 1990. Politik und Gesellschaft sind gefordert, Zäune und Mauern in den Köpfen einzureißen und einander besser zu verstehen.

2. Auflage 2025
editition ost im Verlag Das neue Berlin
ISBN 978-3-360-02817-4

Diese Seite befindet sich derzeit noch im Aufbau