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Heilung der Erde | Erde der Heilung Kunst als Dialog zwischen Klima, Kultur und Weltbildern

(MH) Die Ausstellung „Earth of Healing“ ist noch bis 18. Januar 2026 im Chinggis Khaan National Museum in Ulaanbaatar zu sehen — präsentiert im neunten Stock des Museums mit Blick über Stadt und Berge. Täglich werden dort zwischen 150 und 200 Besucherinnen und Besucher registriert — ein bemerkenswerter Zuspruch für eine Ausstellung in einem Feld, das institutionell etabliert ist und zugleich international zunehmend wahrgenommen wird. Die Ausstellung ist Teil des dreiteiligen Projekts „Heilung der Erde / Erde der Heilung“, das anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der deutsch-mongolischen diplomatischen Beziehungen initiiert wurde und von der Arts & Media Project Management & Consulting NGO (AMPMC) gemeinsam mit der mongolischen Kulturgesandten in Deutschland, der Kunsthalle Düsseldorf und dem Chinggis Khaan National Museum realisiert wurde. Der erste Teil „Heilung der Erde“ war im Sommer 2024 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen, der zweite Teil „Erde der Heilung“ folgte 2025 in der Mongolei. Michael Huppertz war vor Ort und hat sich von der Ausstellung inspirieren lassen.

Zwei Titel – zwei kulturelle Blickrichtungen

Die beiden Titel markieren bewusst unterschiedliche Perspektiven. In Deutschland stand unter dem Titel „Heilung der Erde“ die Frage im Mittelpunkt, wie der Mensch mit den Folgen von Industrialisierung, Ressourcenverbrauch und Klimawandel umgeht — und welche Verantwortung daraus erwächst. Der ehemalige Direktor der Kunsthalle Düsseldorf und Hauptkurator des Projekts, Gregor Jansen, formuliert diese Perspektive so: „Die Vorstellung, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Gegenstände und Naturphänomene eine belebte Seele besitzen, eint möglicherweise die Künstler aus beiden Kulturen, da sie den Dingen eine intrinsische Kraft zuschreiben.“ 

Damit wird bereits deutlich: Auch aus westlicher Perspektive wird die Erde hier nicht nur als Objekt, sondern als Träger von Bedeutung, Energie und Beziehung verstanden — wenn auch aus einer eher reflexiven, kritischen Haltung heraus.In der Mongolei verschiebt sich der Akzent. Unter dem Titel „Erde der Heilung“ steht weniger die Reparatur der Erde im Vordergrund als die Frage, wie Menschen selbst durch eine andere Beziehung zur Erde heil werden können. Diese Sichtweise ist tief verwurzelt in Nomadentum, Schamanismus, Tengrismus und animistischen Weltbildern. Oder, wie die deutsche Künstlerin Claudia Mann ihre Erfahrung aus der mongolischen Landschaft und Arbeit beschreibt:
„Kunst wird geführte Absenz und erschließt sich durch Handlung und Anwesenheit und erlangt dadurch Resonanz. In der Unverfügbarkeit scheint etwas Lebendiges zu liegen.“ 
Beide Zitate beleuchten dasselbe Feld aus unterschiedlichen Richtungen: hier die philosophische Rahmung, dort die körperlich-räumliche Erfahrung.

Ein gemeinsamer Leitspruch

Viele der mongolischen Künstlerinnen und Künstler folgen — explizit oder implizit — einem gemeinsamen Kodex: diese verstehen die Erde nicht als Ressource, sondern als lebendiges Gegenüber — als etwas, dem man angehört, nicht das man besitzt. Diese Haltung durchzieht die Arbeiten von Javkhlan Ariunbold, Ochirbold Ayurzana, Munkhtsetseg Batmunkh, Otgonbayar Dashdorj, UNEN Enkh, Julian Westermann oder dem in Münster lebenden Gan-Erdene Trend sowie dem Kollektiv „Letter to Tenger“, das in rituellen Performances den Dialog zwischen Mensch, Erde und Himmel sucht, ebenso wie die kuratorische Rahmung.

Die Ausstellung als Erfahrungsraum

Die Ausstellung arbeitet bewusst nicht mit plakativen Botschaften, sondern mit sinnlichen Setzungen. Zu sehen sind Skulpturen und Installationen aus naturbelassenen Materialien: Erde, Sand, Filz, Holz, Stein, Wolle, Asche und Metallreste. Eine einfache Tonschale unter einem leicht wackelnden Holzgestell wirkt wie ein fragiles Gleichgewicht zwischen Himmel und Boden. Filz- und Wollkleidung verweist auf den menschlichen Körper als Teil eines Kreislaufs.

Hinzu kommen Videoarbeiten, Performances sowie Musik- und Klanginstallationen, in denen Rituale, Landschaften, Bewegung und Ton ineinandergreifen. Menschen gehen über trockene Böden, berühren Steine, knien im Staub, lauschen Wind und Stimmen. Heilung erscheint hier nicht als technische Maßnahme, sondern als Prozess von Beziehung, Aufmerksamkeit und Rückbindung.

50 Jahre Freundschaft als kultureller Dialog

Dass dieses Projekt anlässlich von 50 Jahren deutsch-mongolischer Freundschaft entstand, ist kein formaler Rahmen, sondern inhaltlicher Kern. Deutschland bringt die Perspektive einer industrialisierten Gesellschaft ein — mit ihrer technischen Kompetenz und ihrer Verantwortung für ökologische Folgen. Die Mongolei bringt eine Perspektive ein, in der Natur nicht primär verwaltet, sondern gelebt wird. So entsteht kein Belehrungsverhältnis, sondern ein Dialog auf Augenhöhe: Was kann Technik leisten — und wo braucht es kulturelle, spirituelle und soziale Korrektive?

Wie viel Raubbau verträgt der Planet — und wie viel Heilung verträgt der Mensch?

Die eigentliche Frage, die beide Ausstellungen unausgesprochen stellen, ist unbequemer als jede Klimabilanz:
Können wir den Raubbau an der Erde unbegrenzt fortsetzen — und zugleich erwarten, dass sie uns weiterhin trägt, ernährt und heilt? Wir diskutieren über CO₂-Ziele, Emissionskurven und technische Lösungen, als ließe sich das Verhältnis von Mensch und Natur auf Rechenmodelle reduzieren. Und selbst dabei geraten wir in politische und ideologische Grabenkämpfe — obwohl belegt ist, dass saubere Luft, sauberes Wasser, unbelastete Böden und stabile Ökosysteme keine moralische Option, sondern eine biologische Voraussetzung für gesunde Körper sind.Gesundheit ist kein isoliertes medizinisches Produkt. Sie beginnt in der Umwelt: in der Luft, die wir atmen, im Wasser, das wir trinken, in den Nahrungsmitteln, die aus den Böden wachsen, und in den sozialen und geistigen Räumen, in denen wir leben. Ohne gesunde Umwelt keine gesunden Menschen — und ohne Bildung kein Verständnis dafür. Genau hier berühren sich beide Ausstellungstitel.

„Heilung der Erde“ steht für den westlichen Versuch, die ökologischen Schäden eines industrialisierten Lebensstils technisch, politisch und regulatorisch einzugrenzen: Emissionen, Grenzwerte, Reduktion, Kontrolle — notwendig, aber defensiv. Ein Reparaturmodus.

Die mongolische Interpretation „Erde der Heilung“ öffnet eine andere Dimension: die Frage, ob und wie Natur selbst zur Quelle von Gleichgewicht, Resilienz und Heilung werden kann — körperlich, psychisch, kulturell. Nicht als Ersatz für Medizin, sondern als deren Voraussetzung.

Die mongolische Perspektive erinnert daran, dass Heilung nicht erst dort beginnt, wo Krankheit behandelt wird, sondern dort, wo Lebensweise, Umwelt und Geist nicht dauerhaft im Widerspruch stehen. In diesem Sinne ist „Erde der Heilung“ keine Naturromantik, sondern eine radikale Gegenfrage an unsere Gesellschaft:
Wie krank ist ein System, das seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört — und sich dann über die Reparatur wundert?

Beide Ausstellungen führen diese auseinanderdriftenden Diskurse wieder zusammen: die eine über Heilung der Erde als ökologische Notwendigkeit, die andere über Erde der Heilung als kulturelle und anthropologische Frage. Erst gemeinsam verschieben sie die Debatte von der Frage „Was müssen wir retten?“ zu der viel schwierigeren Frage: Wie müssen wir leben, damit Rettung überhaupt Sinn ergibt?

Ausblick: Berlin 2026

Der kulturelle Austausch wird fortgesetzt. Im Oktober 2026 wird in Berlin eine große Ausstellung zur Geschichte der Mongolei eröffnet — von der Zeit Chinggis Khans bis in die Gegenwart. Erwartet werden die Bundespräsidenten beider Länder zur Eröffnung. Das Chinggis Khaan National Museum stellt hierfür außergewöhnlich gut erhaltene Exponate zusammen: Artefakte, Schriftstücke, Waffen, Alltags- und Kultgegenstände, die die mongolische Geschichte differenziert jenseits gängiger Klischees zeigen. Auch diese Ausstellung ist als Zeichen der Freundschaft und des kulturellen Dialogs gedacht — diesmal historisch und politisch gerahmt.


Quellen (alphabetisch)

Arts & Media Project Management & Consulting NGO (AMPMC): Projektbeschreibung 2025, zur Ausstellung „Heilung der Erde / Erde der Heilung“. 

Jansen, Gregor: Einleitung im Katalog „Earth of Healing / Erde der Heilung“, S. 1–6 und dt. Fassung ab S. 12 ff., Kunsthalle Düsseldorf / Chinggis Khaan National Museum. 

Mann, Claudia: Künstlerstatement im Katalog „Earth of Healing / Erde der Heilung“, Abschnitt zu ihren Arbeiten

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